AGFA KARAT IV 




Abbildungen, wenn nicht anders angeführt: © Peter Lausch

 

1. Zunächst ein Überblick über die Karat-Modelle:
 

Agfa hat Jahrzehnte lang preiswerte Rollfilm- und Kleinbildkameras für den Massenmarkt produziert. Ausgestattet mit den billigeren Varianten der Zentralverschlüsse Prontor und Compur und mit – sagen wir – preiswerten Objektiven, ebenfalls nicht schlecht, aber herausragend eigentlich auch nicht. In die Ruhmeshalle der deutschen Kameraindustrie ist sozusagen keine der vielen verschiedenen Kameras gelangt.

Mit dieser Vorgangsweise ist Agfa viele Jahre lang kommerziell zufrieden gewesen und die Kunden waren es auch: für angemessene Preise erhielten sie angemessene technische Qualität. Die Erzeugung von Spitzenkameras überließ man anderen.

Mit dem allgemeinen Niedergang der deutschen Kameraindustrie drängten Produzenten aus Japan auf den Kameramarkt, nicht nur in Deutschland, in der ganzen Welt – auch sie boten zunächst angemessene Qualität, aber zu vergleichsweise niedrigeren Preisen, allmählich aber einfach und schlicht Kameras, die dem Geschmack der Käufer besser entsprachen, von höherer Qualität waren und billiger auch. Da ging die Erfolgsstory der Agfa im Kamerabau zu Ende.

Agfa-Kameras kann man heute gebraucht in durchaus gutem Erhaltungszustand für sehr wenig Geld jederzeit in ausreichender Modellvielfalt bei Ebay und im Gebrauchtkamerahandel erstehen. Da solch alten Kameras aber weniger deswegen gekauft werden, weil jemand im Alltag mit ihnen fotografieren will, sondern eher aus nostalgischen Gründen, erlaubt die seinerzeitige Durchschnittlichkeit keine höheren Preise.

Denn eigentlich gibt es nur 2 Modellreihen von Agfa, die heute noch erwähnenswert sind: Die Agfa Optima als erste vollautomatische Kleinbildkamera auf dem deutschen Markt einerseits und andererseits – und vor allem – die Reihe der Karat-Modelle von Agfa.

Was macht nun die Karat-Kameras zu einer Besonderheit?

Seit es Kleinbildfilme gibt, wird über das angeblich komplizierte Einlegen eines Films in die Kamera geklagt. Und es ist wahr, Filmeinlegen in eine Leica mit Schraubgewinde bedarf ein wenig Übung und Überlegung.

Seither hat es verschiedene Versuche der Filmerzeuger gegeben, durch allerlei Kassettensysteme etc. das Einlegen eines Films in die Kamera zu vereinfachen. Keines dieser Systeme hat sich auf Dauer durchgesetzt.  Erfolgreicher sind die Erzeuger der Kameragehäuse gewesen, die tatsächlich erreicht haben, dass man die Kassette mit dem Film in die Kamera einlegt, den Film bis zu einer Marke zieht und die Rückwand schließt. Das war’s dann halt.

Unter anderem hat Agfa (als Film- und Kameraerzeuger in einem dazu prädestiniert) von 1937 – 1950 eine eigene Kamerareihe für vereinfachtes Filmeinlegen angeboten: die Karat-Kameras, die es in vielen verschiedenen Modellen gab. Diese Kameras verwendeten einen Kleinbildfilm für 12 Aufnahmen in einer speziellen Patrone (der Karat-Patrone), die nun wirklich narrensicher einzulegen war. Die Kameras tragen den Namen Karat mit einem Hinweis auf die größte Öffnung des eingebauten Objektivs, also Karat 6,3 (noch mit der alten Blendenreihe), Karat 3,5, Karat 4,5 und Karat 2,8. Mit Ausnahme der Karat 2,8 handelt es sich um einfache Kameras ohne Entfernungsmesser. Die Produktion dieser Modellreihe endete in der Kriegszeit.

Nach dem Krieg wurde die Reihe mit der Karat 12/2,8 und der Karat 12/3,5 weitergeführt. Die Karat 12/2,8 entspricht bis auf einen zusätzlichen Zubehörschuh der Karat 2,8, die Karat 12/3,5 der Karat 3,5 der Vorkriegszeit.

Diese Kameras funktionierten durchaus zuverlässig, auch das Filmeinlegen war tatsächlich einfach und komplikationslos. Der Haken war die mangelnde Kompatibilität mit den üblichen Kassetten für Kleinbildfilm. Händler mussten daher Agfa-Filme für ein zusätzliches Format auf Lager legen, was nicht alle taten, die Besitzer hatten gelegentlich (vor allem im Ausland) Schwierigkeiten mit der Beschaffung von Ersatzfilmen. Dies stand dem Durchbruch dieses Filmformats im Wege, umso mehr, als kein anderer Filmerzeuger  derartige Filme erzeugte. Man war also auf Agfa-Filme angewiesen.

Derartige Filmpatronen sind seit Jahrzehnten nicht mehr im Handel. Mit den angeführten Kameramodellen kann man daher nicht mehr fotografieren, sie taugen lediglich für die Vitrine des Sammlers.

Übrigens hat Agfa in den 60er-Jahren einen neuen Versuch unternommen, eine Alternative zur Kleinbildpatrone anzubieten, nämlich Kameras für die so genannten Rapid-Filme, deren Kassette im Wesentlichen der Karat-Patrone entspricht. Dieser Versuch war erfolgreicher, eine ganze Anzahl von vor allem japanischen Kamerafirmen, Canon, Minolta etc. haben Kameras für dieses Filmformat auf den Markt gebracht. Es gab auch Rapid-Filme von anderen Herstellern, weil Agfa freigiebig Lizenzen erteilten. Durchgesetzt hat sich auch dieses System nicht: Rapid-Filme gibt es ebenfalls seit Jahrzehnten nicht mehr zu kaufen, auch die entsprechenden Kameras sind daher zu einem Dasein in der Vitrine verurteilt. Da es sich indessen allesamt um einigermaßen einfache Modelle handelt, die in größeren Stückzahlen erzeugt wurden, hält sich das Sammlerinteresse in Grenzen. Die verschiedenen einschlägigen Modelle von Agfa, die allesamt das Wort Rapid im Namen führen (zum Beispiel Optima Rapid 500 V) kann man für 10 – 20 € im Gebrauchthandel erstehen. Aber auch die Mamiya Myrapid, eine durchaus gefällige Kamera, kostet in den USA nur ca. 25 €, während es die Minolta 24 Rapid mit Entfernungsmesser auf bis zu 70 € bringt (alles Durchschnittspreise, die je nach Zustand, lokalem Angebot und Geschick im Handeln schwanken können).

Als sich nach dem Krieg zeigte, dass die Käufer nicht scharenweise zu Kameras für Karat-Patronen griffen, wurde die Reihe zwischen 1948 und 1957 unter dem Namen Karat 36 und Karat IV weitergeführt, allerdings waren diese Kameras für Kleinbildfilm in den üblichen Patronen eingerichtet. Mit beiden Modellen kann daher auch heute noch fotografiert werden.

Alle Modelle der Karat sind gefällige Kameras mit fest eingebautem Objektiv und Zentralverschluss (verschiedene Objektivreihen und Verschlussmodelle je nach Ausführung!) und einer mittels Scherenspreizen ausziehbaren Objektivstandarte. War diese bei Nichtgebrauch ins Gehäuse eingeschoben, erhielt man eine handliche, durchaus in der Innentasche eines Sakkos tragbare Kleinbildkamera (da die Kameras damals allerdings nicht aus Plastik waren, sollte die Sakkotasche einigermaßen solide sein). Die besser ausgestatteten Modelle der Nachkriegszeit besaßen zusätzlich einen eingebauten und gekuppelten Entfernungsmesser und manche hatten einen damals durchaus nicht häufig zu findenden Schnellschalthebel für den Filmtransport.

Krönung und Abschluss der Baureihe war die von 1954 bis 1957 lieferbare und oben abgebildete Karat IV (eine I – III gab es nicht).

Insofern sollte eine Karat IV in einer Kamerasammlung nicht fehlen, wenn man sich mit Agfa-Kameras oder deutschen Kameras überhaupt beschäftigt. Dies umso mehr, als mit der Karat IV auch heute noch technisch einwandfreie Aufnahmen gemacht werden können – Nebeneffekt ist, man merkt, wie vergleichsweise umständlich Fotografieren früher gewesen ist.

 

2.  Zu einer kleinen Gebrauchsanleitung der Karat IV

 

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© PETER LAUSCH/2007
Verfasst: 22. Dezember 2007, geändert 10.3.2014

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